Langstrasse – Das unsichtbare Netz der Sexarbeit

Viele von uns feiern jedes Wochenende da und trotzdem bleibt die erschreckende Realität der Sexarbeit, die sich nur ein Haus weiter abspielt, fern unserer Wahrnehmung. Ein Projekt zur Visualisierung der „anderen“, oft vergessenen Seite der Partymeile.

Projekt von Lisa Leutenegger

Artist Statement:

Sie ist Realität, nur leider nehmen wir sie nur selten wahr: die Schattenseiten der Sexarbeit. Dort, wo sich einige besaufen, sind andere gefangen in von Menschenhandel geprägten Strukturen. Ich habe es mir mit diesem Projekt zum Ziel gemacht, die Aufmerksamkeit auf diese Missstände zu lenken, indem ich versuche, sie zu visualisieren. Denn dort liegt nämlich eines der grossen Probleme. Wie soll man vorgehen, gegen etwas, das nicht sichtbar ist? Menschen, die nicht wahrgenommen werden, weil sie Straftaten im Dunkeln ohne Zeugen durchleben?

Nur wenn wir diese Schattenseiten beleuchten, können wir anfangen sie zu verändern. So will das Stadtzürcher Parlament beispielsweise den Strassenstrich an der Zürcher Langstrasse legalisieren. Ist das die Lösung zur besseren Kontrolle der Arbeitsbedingungen oder befeuert dies die inhumane Branche nur noch mehr? Mit den beigelegten und auch für die Collage benutzten Artikeln und Infoseiten will ich unter anderem Lösungsansätze diskutieren. 

Hier einige spannende Links zum Thema

Seitdem ich vor einem Jahr den Film zur Zwangsprostitution an der Langstrasse geschaut habe, laufe ich nicht mehr gleich an der Lugano Bar vorbei. Ich nehme die Gesichter und Emotionen der Frauen, die stundenlang in der Kälte vor den Eingängen ins Dunkle stehen, wahr. Und frage mich: Was haben sie schon erlebt? Diese Sichtweise und Gedanken möchte ich gerne mit dieser Arbeit so weit wie möglich verbreiten. 

Prozess:

Meine Motivation habe ich, wie bereits erwähnt, schon vor längerer Zeit gefunden. In einer inhaltlichen Recherche habe ich mich dann informiert zu bereits vorhandenen Systemen, wie zum Beispiel das schwedische Model (das vorsieht «nur» die Freier zu bestrafen, die Prostitution also legal ist, das Kaufen aber illegal) und aber auch geplante Vorhaben oder Institutionen hier in Zürich. Dabei bin ich auf Cornelia Zürrer gestossen. Sie leitet das Nachtcafé für Sexarbeiterinnen an der Langstrasse. Nach einem ausführlichen Gespräch mit ihr, mit vielen neuen Erkenntnissen und weiteren Fragen, habe ich meinen Fokus dann endgültig auf die Situation an der Langstrasse gelegt. Anfangs dachte ich bei der Umsetzung an eine Fotoserie. Bei meiner ersten Feldrecherche an der Langstrasse wurde mir aber bereits klar, dass das nicht einfach sein wird. Bei der Sexarbeit geht es um Menschen, diese können und wollen zu deren Sicherheit aber keinesfalls fotografiert werden. Nur schon beim Anblick, meiner nicht gerade unauffälligen Kamera, wichen einige zurück oder sahen mich misstrauisch an. Einmal wurde ich sogar angeschrien, ich solle hier keine Fotos machen.

Mir war das ganze extrem unangenehm und wollte es erst ganz lassen mit der Fotografie. Wie visualisiere ich also jemanden, der/die nicht gesehen werden will? Schockiert von der Tatsache, wie wenig auf den Strassen vom Sexgewerbe zu sehen ist, habe ich mich schnell dazu entschlossen die analogen Fotos als Hintergrund zu benutzen und mit anderen Elementen der Malerei zu verbinden. 

Zusammen mit den Artikeln, die ich aus dem Archiv vom Tagesanzeiger besorgen konnte, habe ich mit Kleister eine Collage auf einer Holzplatte zusammengestellt. Diese soll die von uns wahrgenommene Realität widerspiegeln: leere Strassen und Graffitis, schockierende Zeitungsartikel, Nummern, Fakten, Schlagzeilen. Jedoch keine Menschen, keine Namen, keine Gesichter, keine Gefühle. Alles schwarz-weiss. 

Mit Acrylfarbe habe ich diese später mit Frauensilhouetten übergemalt. Dabei habe ich mich aktiv für die knalligen Neonfarben entschieden. Sie zeigen die Stärke der Frauen und heben Ihre menschlichen Formen in den Vordergrund. Dafür habe ich zuerst einige Skizzen auf Papier ausprobiert als Probelauf.

Die Silhouetten habe ich abstrakt und ohne Gesichter gewählt, um das Thema der Objektifizierung anzusprechen. In der Sexbranche werden Frauen häufig nicht mehr als Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen wahrgenommen, sondern lediglich als Zweck und Mittel.

Zum Schluss habe ich versucht die Körper und die Schlagzeilen mit knalligem Faden zu verbinden, um zu symbolisieren, dass hinter jeder dieser Geschichten ein eng verstricktes Netz und Mensch steckt. Ein Mensch, der es verdient, hat gesehen zu werden. Eine Stimme, die es verdient hat, gehört zu werden. 

Während dem Prozess dieses Projektes habe ich sehr vielfältige Erfahrungen gemacht, die mich zwar erschreckt, aber dennoch bereichert haben. Zum einen wie es ist, eine Strasse, die man eigentlich so gut kennt, auf einmal aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Dieses Misstrauen der auf der Strasse stehenden Frauen einmal an eigener Haut zu erleben.  Zum anderen aber auch der praktische Teil des Collagierens und Malen, der mich sehr erfüllt hat. Es hat mich zum Nachdenken gebracht, wie schwierig es ist sich dieser Thematik zu nähern. Wie lange wird noch geschwiegen und weggeschaut? Ich hoffe ich kann diesen Gedankenstoss weitergeben, denn nur mithilfe des Austausches kann dies umgangen werden…