Stadtlinien

Mein Projekt eröffnet eine neue Perspektive auf das öffentliche Verkehrsnetz der Stadt Zürich. Durch die fotografische Begleitung einer Busfahrerin wird der Alltag im öV aus einer persönlichen und unmittelbaren Sicht erfahren, die in meiner Ausstellung dokumentiert ist.

Projekt von Annigna Graves

Artist Statement:

Mein Ziel war es, das ÖV-Netzwerk der Stadt Zürich aus der Sicht einer Busfahrerin erlebbar zu machen. Diese Perspektive bleibt meist verborgen – und doch sind es die Fahrer*innen, die dieses System täglich am Laufen halten. Was erleben sie während ihrer Fahrten? Was bekommen wir als Fahrgäste gar nicht mit?

Ich wollte eine neue Verbindung zwischen Fahrgästen und Fahrer*innen schaffen. Dafür begleitete ich eine Busfahrerin mit meiner Kamera durch ihren Alltag und erhielt einen seltenen Blick hinter die Kulissen.

Gleich wie die Buslinie 83 sich durch den Zürcher Verkehrsplan zieht, verläuft auch die rote Linie, die meine Ausstellung durchzieht. Sie verbindet die Bilder in chronologischer Reihenfolge eines Arbeitstages. Nahaufnahmen, Blickwinkel auf Details und sonst unzugängliche Momente zeigen, was sonst im Verborgenen bleibt. Durch Bildgrössen, Perspektiven und gezielt gewählte Begriffe wird der Blick gelenkt und das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Prozess:

Bevor ich mit der Umsetzung meines Projekts startete, hatte ich mich bereits intensiv mit dem Thema ,,Zürcher ÖV Netzwerk‘‘ befasst und darüber recherchiert. Die Recherche umfasste die historische Entwicklung der Zürcher ÖV, die technischen Bestandteile, und die Hauptverbindungspunkte der Linien in der Stadt Zürich, wie zum Beispiel der HB Zürich.

Für meine Feldrecherche versuchte ich, mit einer Kamera die verschiedenen Verbindungen in diesem grossen Netzwerk festzuhalten. Dabei fand ich besonders spannend, wie uns im Alltag solche Verbindungen, wie zum Beispiel Schienen, Kabel, Pläne und auch menschliche Vernetzungen gar nicht so bewusst auffallen. Dies weckte mein Interesse umso mehr, diese spannenden Verbindungen tiefgründiger zu erforschen. 

Nachdem ich meine Bilder vor mir ausgelegt hatte, fiel mir auf, dass eine Perspektive auf das ÖV Netzwerk der Stadt Zürich fehlte: die der FahrerInnen selbst. Denn ohne Sie würde dieses unglaublich komplexe Netzwerk, das wir täglich nutzen, bei weitem nicht funktionieren. Ich fragte mich also:

Wie sieht eine Fahrt durch die Stadt Zürich aus Sicht einer Fahrerin aus? Was erleben sie, was wir als Beifahrer nicht mitbekommen? Was sind Herausforderungen, denen man als Fahrerin begegnet?

Ich nahm Kontakt auf mit der VBZ und wurde herzlich eingeladen, Egzona Ajeti eine Schicht bei ihrer Arbeit als Busfahrerin zu begleiten. Mit einer Kamera und vielen Fragen machte ich mich also auf den Weg. Mir wurde alles sehr offen und ausführlich rund um den Beruf als Busfahrerin erklärt. Nach einer Führung durch das Servicegebäude wurde mir die riesige Busgarage gezeigt. Bevor wir losfahren konnten, wurde der Bus auf alle Türen und Lichter getestet, ob diese noch funktionieren. Kurz nachdem wir losgefahren sind, gab es einen Defekt an der Hintertüre des Busses und es mussten alle Personen aussteigen. Es war eine Stresssituation, aber die Zusammenarbeit unter den Serviceleitern und FahrerInnen fand ich sehr bemerkenswert. Ich durfte diese Situation, die wir als Beifahrer so nie erleben würden.



Von all den Bildern, die ich gemacht hatte, wählte ich die spannendsten und ausdrucksstärksten aus – und stellte mir die Frage, wie ich sie ausstellen möchte. Schließlich entschied ich mich, sie entlang der Route der Buslinie 83 anzuordnen – so, wie sie auch auf dem offiziellen Verkehrsplan durch Zürich verläuft. Die chronologische Hängung folgt dabei dem tatsächlichen Fahrverlauf und macht den Tag als visuelle Linie erfahrbar.