Der Wandel des Zunftwesens.

Das Zunftwesen im Kanton Zürich zählt zu den ältesten Netzwerken der Schweiz. Im Laufe der Zeit hat es jedoch einen starken Wandel durchlaufen und wird heute zunehmend kritisch hinterfragt. Im Rahmen meines Projekts habe ich mich mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und versucht, den Wandel mithilfe von Collagen künstlerisch darzustellen.

Projekt von Emilie Krayenbühl

Artistic Statement
Die ersten Zürcher Zünfte entstanden im 14. Jahrhundert nach der Vertreibung der Ratsherren durch Rudolf Brun, Handwerkern und Krämern. Heute jedoch sind in diesen Vereinigungen nur noch selten Handwerker anzutreffen. Stattdessen sitzen viele einflussreiche und vermögende Personen in den zum Teil ausserordentlich prunkvollen Zunfthäusern. Wer kein Mitglied ist, hat nur mit erheblichem Aufwand und den richtigen Beziehungen Zugang.

Ich selbst bin Mitglied einer dieser berüchtigten Zünfte und betrachte das Ganze daher auch aus einer persönlichen Perspektive. Als Kind war das Sechseläuten für mich immer ein Highlight, und auch heute sehe ich mir den Umzug gerne an. Da ich inzwischen über 18 Jahre alt bin, darf ich beim Sechseläuten nämlich nicht mehr «normal» mitlaufen – wohl aber als Blumendame.

Im Rahmen meines Projekts setzte ich mich kritisch mit dem Zunftwesen auseinander. Mein Ziel war es, den heutigen Ruf und die inhaltliche Ausrichtung dieser Tradition zu hinterfragen und aus einer zeitgemässen Perspektive neu zu beleuchten. Dabei ging es mir jedoch nicht um reine Kritik ,schliesslich habe ich die Zunftanlässe durchaus genossen, sondern vielmehr um einen Impuls, das Ganze im Lichte der heutigen Gesellschaft zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Für die Umsetzung habe ich historische Druckgrafiken aus dem 16. bis 19. Jahrhundert mit ausgeschnittenen Elementen aus Mode und Lifestylemagazinen kombiniert. Diese Collagen symbolisieren Luxus und Privilegien, wie sie die heutige Oberschicht geniesst, und stellen sie in Kontrast zu den alten Darstellungen aus einer Zeit, in der Zunftmitglieder noch selbst die Werkzeuge schwangen.

Um das Netzwerk auch visuell erfahrbar zu machen, habe ich die Collagen mit Garn zusammengenäht und sie aufgehängt. Die verschiedenen Garnfarben stehen dabei für die Vielfalt, Komplexität und Verbindungen innerhalb dieses traditionsreichen, aber zunehmend exklusiven Gefüges.

Prozess

Mein Projekt begann ich mit einem Besuch im Zunfthaus zur Meisen und im Zunfthaus zur Schmiden. Mein Ziel war es, diese beiden eindrucksvollen Orte zu erkunden und einen ersten Gesamteindruck zu gewinnen.
Das Zunfthaus zur Meisen, ein repräsentatives barockes Stadtpalais aus dem Jahr 1757, ist normalerweise nur mit Voranmeldung zugänglich. Ich hatte jedoch Glück und konnte es spontan besichtigen, da gerade ein Event vorbereitet wurde.

Das Zunfthaus der Schmieden bildet einen markanten Kontrast zum eleganteren Haus der Meisen. Es ist nicht nur deutlich älter, sondern auch in einem völlig anderen Stil gehalten. Bereits im Jahr 1412 erwarb die Zunft zur Schmiden das Haus «zum guldin Horn» an der grossen Hofstatt, an der Ecke Marktgasse/Rindermarkt, und machte es damit zu einem der ältesten Zunfthäuser der Stadt.

Im Jahr 1520 wurde der eindrucksvolle gotische Zunftsaal eingebaut, der durch prägnante Fensterpfeiler, Säulen und reich verzierte Wand und Deckenfriese im spätgotischen Stil mit Fabelwesen beeindruckt. Besonders auffällig ist ein Kachelofen im Hauptraum, auf dem eine Eisenfigur eines Schmieds mit Amboss steht, dies ein deutliches Symbol des einstigen Handwerksstolzes.

Gerade diese Figur mit dem Amboss hat mich zum Nachdenken gebracht: Wenn die heutigen Mitglieder der Schmiedenzunft im Saal sitzen und über Geschäfte diskutieren, fühlen sie sich dabei noch mit dem ursprünglichen Handwerk verbunden? Ich bezweifle das. Aus diesem Gedanken entstand meine Idee, alte Zunftbilder neu zu interpretieren und in die Gegenwart zu überführen.

Darum besuchte ich das Zunftarchiv der Zentralbibliothek Zürich, um dort Zugang zu historischen Bildern zu erhalten. Vor Ort wurde mir jedoch geraten, das Online-Portal der Bibliothek zu nutzen, um die gewünschten Bilder digital herunterzuladen. Ich erhielt die Zugangsdaten und machte mich direkt auf die Suche nach geeigneten Motiven.

Um die Heruntergeladenen Bilder später in einer Collage zu verarbeiten, durchstöberte ich in der Schule verschiedene Lifestyle und Modemagazine. Aus diesen schnitt ich gezielt einzelne Elemente aus und kombinierte sie mit den historischen Zunftbildern. Daraus entwickelte ich sechs individuelle Bildkompositionen, die ich anschliessend mit Nadel und Garn zusammennähte, somit entstand zusätzlich ein sichtbares Netzwerk, das die einzelnen Collagen auf symbolische Weise verbindet.

Die grösste Herausforderung bestand darin, die unterschiedlich grossen Symbole und Elemente stimmig miteinander zu vereinen. Ich suchte nach Kombinationen die auch etwas beim Betrachter auslösen, sei das durch provokante Kontraste oder mittels Markensymbolen. Der Drucker wurde dabei zu meinem besten Helfer, denn ich musste die Ausgangsbilder häufig in verschiedenen Grössen ausdrucken, um sie passend anordnen zu können. Nach viel Ausprobieren, habe ich mich am Ende auf fünf finale Bilder geeinigt.